Interview: die Pandemie als Chance – meine eigene COVID19 Maskenfabrik, Teil 2

Im ersten Teil dieses Interviews mit Christian Herzog ging es eher um das Thema COVID19 an sich, hier im 2. Teil beleuchten wir das Thema der Gründung.

Christian, Du warst viele Jahre in führenden Positionen bei großen IT Unternehmen tätig. Was hat Dich dazu gebracht, Deine eigene Firma zu gründen?

Es waren mehrere Gründe, die zusammenkamen, sodass aus einer Idee die Deutsche Maskenfabrik auf den Weg gebracht worden ist:

  • Auslöser war sicher, dass wir privat mitten im 1. Lockdown selbst vor dem Problem standen, Masken und Desinfektionsmittel zu bekommen und das nur noch zu horrenden Preisen und langen Lieferzeiten verfügbar war. Wir haben dann kurz überlegt, ob wir selbst was über einen Kontakt in Asien importieren sollen. Wir haben dann aber überlegt, ob und wie wir selbst Masken in Deutschland produzieren können, auch um die selbst durchlebten Lieferabhängigkeiten zu verringern. So war dann die Idee geboren.
  • Wir haben es dann durchgerechnet und versucht von allen Seiten zu betrachten, soweit das in so einem unplanbaren und volatilen Marktumfeld möglich ist. Wir haben durchaus eine große und auch nachhaltige Chance darin gesehen, wenn wir uns richtig positionieren.
  • Ein bisschen Schub hat uns auch gegeben, dass es etwas „Sinnvolles“ war und wir durchaus auch einen Sinn darin sehen, etwas zu tun, das für die Gesellschaft wichtig und gut ist.
  • Und letztlich war es zumindest bei mir so, dass die Zeit einfach reif war, etwas Neues zu machen. Du hast das sicher auch schon erlebt … ich war nicht unzufrieden mit meinem bisherigen Job und es hat auch meist Spaß gemacht. Aber es hat so ein bisschen die Erfüllung gefehlt. Für mich muss das, was ich tue einen Sinn ergeben, und zwar einen nachhaltigen. Wenn Du schon viel Zeit deines Lebens und Herzblut in eine Arbeit investiert, dann sollte es auch etwas sein, an das Du glaubst und für das Du einstehst. Etwas für das Du brennst und Leidenschaft entwickeln kannst. Und ich glaube, das war schon mit ein Hauptauslöser. Auf der einen Seite etwas zu sehen, was Sinn ergibt und wofür ich mich begeistern kann und auf der anderen Seite etwas zu haben, wo, wenn man ehrlich ist, ein bisschen die Luft raus war.
Das Gründerteam: Christian Herzog und Andreas Mühlberger

Ihr habt mit eurer Gründung auf die Pandemie reagiert und sehr schnell gehandelt – wie viel Planung und wie viel Risiko war dabei in euren Gedankenspielen?

Ja, das ging schon recht schnell. Die Entscheidung, dass wir gründen wollen, haben wir Anfang April 2020 getroffen. Dann haben wir etwa 2 Monate zum Planen gehabt, um Themen wie Finanzierung, Standort, Anlage, Material, unser eigenen Zeitaufwand, Zertifizierung, usw. zu klären. Anfang Juni saßen wir dann beim Notar und haben die Gesellschaft gegründet und im September haben wir dann schon mit der Produktion losgelegt. Wir haben also in weniger als 6 Monaten einen Medizinproduktehersteller aus dem Boden gestampft, 120 Seiten technische Dokumentation sowie ein QM-System auf die Beine gestellt, einen Partner gefunden, der uns zuverlässig gutes Vlies-Material liefern kann, sowie eine Fertigung aufgebaut.

Bei einem solchen Fahrplan ist glaube ich klar – und Zeit war hier wirklich entscheidend – dass man sich nicht jeden Tag mit den Risiken beschäftigen kann. Wir haben uns zu Beginn überlegt, was schief gehen kann und den max. Finanzrahmen festgelegt, den wir bereit sind zu investieren. Und wir haben uns eine Timeline gesetzt, zu der wir bestimmte Dinge erreicht haben wollen bzw. wo wir uns nochmal die Karten legen wollen.

Unser Plan ist, dass wir in der ersten Phase möglichst ohne Fremdkapital auskommen und dass sich das Unternehmen von Anfang an selbst trägt. Das heißt, wir investieren vorsichtig und aus dem Kapital, dass wir erwirtschaften. Einfach deshalb, weil der Markt in dem wir uns aktuell bewegen, sehr schwer planbar ist und stark durch die Pandemie und politische Entscheidungen getrieben ist. Das heißt, dass wir unseren Plan auch immer wieder anpassen und Entscheidungen, dann auch kurzfristig treffen. Wir hatten z.B. geplant spezielle kleinere Kindermasken herzustellen und haben das auch mit dem Hersteller der Fertigungsanlage vorgeplant, aber das Ganze erst mal verschoben, weil momentan dafür für uns kein Markt erreichbar ist.

Die Fabrik – vor die Haustür geholt.

Was waren die größten Hürden bei der Gründung?

Es gibt immer wieder Hürden … welche da die Größten sind, ist schwer zu sagen. Eine Hürde, mit der sicher viele Start-Ups zu kämpfen haben, ist der Bekanntheitsgrad. Wir haben zu Beginn erst mal viel auf lokales Marketing in der Region gesetzt und z.B. gleich zum Schulanfang eine Spendenaktion für Schulen organisiert. Und wir bekommen sehr tolle Rückmeldungen von nahezu allen unseren Kunden. Wer uns kennt und einmal unsere Masken gekauft hat, der bleibt auch bei uns und kauft auch wieder. D.h. unsere Strategie, ein hochwertiges Produkt zu haben, dem man vertrauen kann, geht auf. Aber auf ganz Deutschland bezogen, kennt man uns einfach noch zu wenig. Da fehlt uns noch die Reichweite und die Präsenz.

Ich glaube generell, passieren bei jedem Start-Up jeden Tag Dinge, die so nicht geplant waren. Gute und Schlechte. Und wichtig ist, da einfach weiter zu machen, die Probleme zu lösen, wenn sie kommen, die Chancen mit zu nehmen, wenn sie da sind, nicht aufzugeben, sondern einfach weiter zu machen und dabei das große Ziel, also den langfristigen Plan, nicht aus dem Auge zu verlieren.

Das Geschäft ist angelaufen und ihr habt bewiesen, dass der Plan grundsätzlich aufgeht. Ich denke aber, dass diese Geschichte hier noch nicht zu Ende ist. Ab welchem Punkt würde Wachstumskapital Sinn machen und wofür würdest Du es verwenden?

Ich denke, dass Wachstumskapital sehr bald für uns Sinn machen könnte. Spätestens wenn sich die Pandemiesituation zum Sommer hin wieder etwas normalisiert, wird sich auch der Markt wieder verändern und dann müssen wir in zwei Bereiche investieren.

Zuallererst in unseren Brand, unsere Marketing- und Vertriebsaktivitäten. Wir brauchen unbedingt mehr Reichweite und Bekanntheit. Letztlich unterscheidet uns unser Produkt und dessen bessere Eigenschaften von den vielen, insbesondere asiatischen Wettbewerbern, die rein über den Preis verkaufen. Dafür ist es wichtig, dass man den Unterschied auch erklären kann und im Markt ein Bewusstsein für gute Qualität entsteht. Ich vergleiche das gerne mit dem Bio-Markt … nicht jedem sind Bio-Produkte im Lebensmittelbereich wichtig. Aber es gibt einen wachsenden Anteil der Bevölkerung, dem eine nachhaltige Landwirtschaft und eine artgerechte, biologische Tierhaltung wichtig sind und die chemie-freie Lebensmittel wertschätzen. Heute ist für Viele eine Maske einfach noch eine Maske. Und unsere Herausforderung ist, bei unseren potenziellen Kunden ein Bewusstsein und ein Verständnis dafür zu schaffen, dass es hier doch ganz wesentliche Unterschiede gibt und was für einen Vorteil sie davon haben.

Und darüber hinaus brauchen wir mehr Fertigungskapazität, die Kapital bindet, die uns aber auch ermöglicht unsere innovativen Ideen umzusetzen, die aktuell noch in der Schublade liegen. Sowohl in Richtung weitere Automatisierung der Fertigung als auch hinsichtlich spezieller Produktinnovationen.

Interview: die Pandemie als Chance – meine eigene COVID19 Maskenfabrik, Teil 1

Vor ca. einem Jahr begann Corona zum allumfassenden und omnipräsenten Teil unseres Lebens zu werden. In der Phase der Lockerungen im Sommer 2020 staunte ich nicht schlecht, als mein Studienfreund Christian Herzog mir eine Packung Mund-Nasen-Schutzmasken auf den Tisch stellte. “Made in Germany”, sagte er, “ich habe jetzt meine eigene Fabrik.” Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass das kein Scherz war – hier ist der 1. Teil rund um die Gründungsidee. Denn ich finde es sehr spannend, in so einem dynamischen Umfeld zu handeln und damit auch noch etwas Gutes zu schaffen. Der 2. Teil geht dann um die Gründung selbst: was treibt einen zu solch einem Schritt an, wie verlief die Planung, welche Probleme gab es und wie geht es weiter?

Christian, Du bist seit 1.9.2020 Mitgründer, Miteigentümer und Geschäftsführer der „Deutsche Maskenfabrik“. Ihr produziert medizinische Mund-Nasen-Schutzmasken (MNS) in Deutschland. Welche Ziele verfolgt ihr damit?

Unser Ziel ist es, uns unabhängiger von asiatischen Importmasken zu machen und den Menschen in Deutschland ein sicheres, qualitativ hochwertiges Produkt anzubieten, dem sie vertrauen können und das sie schützt. Daher verwenden wir z.B. für unsere Masken auch ausschließlich Vlies-Materialien aus deutscher Herstellung. Und unsere Kunden merken den Unterschied sofort – die Masken lassen sich viel angenehmer tragen, riechen nicht und die Ohrbänder halten. Darüber hinaus ist uns auch wichtig, dass wir so nachhaltig wie möglich produzieren. Wir verpacken z.B. nicht in Plastikbeuteln sondern klassisch in Faltschachteln aus Karton und wir arbeiten an Rücknahme- und Recyclingkonzepten für Großabnehmer von unseren Masken, um den Müll, der durch die gebrauchten Masken anfällt, zu reduzieren.

Input: die Materialien für die Masken.

Experten sehen wir im TV genug. Du arbeitest jedoch an der Umsetzung und hast Dich intensiv in das Thema COVID 19 eingearbeitet. Wie schätzt Du die Pandemie ein und was kommt da noch auf uns zu?

Man sieht an den Infektionszahlen ganz deutlich, dass die aktuellen, sehr harten Maßnahmen helfen und die Zahlen zurück gehen. Daher hoffe ich, dass der Lockdown bald wieder etwas runtergefahren werden kann. Auch glaube ich wird uns das Frühjahr und der Sommer ein wenig Entlastung bringen. Wir haben schon in 2020 gesehen, dass die Infektionszahlen zurück gehen, wenn es wärmer wird. Auf der anderen Seite wird das Virus nicht einfach verschwinden. Man sieht ja gerade wie schwierig es ist und wie lange es dauert, flächendeckend eine Impfung für die gesamte Bevölkerung hin zu bekommen. Ich befürchte daher, dass uns COVID 19 noch das ganze Jahr und darüber hinaus beschäftigen wird. Es sind zudem bereits Mutationen dieses Virus aufgetreten und es wird vermutlich auch in Zukunft neue Pandemien geben.

Andererseits wird uns diese Pandemie auch als Gesellschaft verändern. Ich bin überzeugt, dass z.B. der Flug- und Reiseverkehr, gerade im Geschäftsleben, nicht mehr so stark zurückkommen wird, wie vor der Pandemie. Unternehmen und Mitarbeiter haben gesehen, wie Digitalisierung helfen kann, effizient zu arbeiten, auch ohne sich immer physisch im selben Raum treffen zu müssen. Und das wird Veränderungen mit sich bringen. Für die einen wird das positiv sein, für die anderen eher weniger, wenn ich z.B. an Hotels denke, die von Geschäftsreisen leben. Wir haben aber letztes Jahr erstmalig unsere Klimaziele erreicht – letztlich durch die zwei Lockdowns und den geringeren Reiseverkehr. So eine Ausnahmesituation wie diese weltweite Pandemie, bietet also auch immer Chancen, Veränderungen herbeizuführen.

Das Tragen von Masken ist z.B. im asiatischen Raum auch ohne Pandemie gang und gäbe. Weil es einfach hilft Infektionen zu vermeiden, gerade da wo viele Menschen eng aufeinander treffen. Bei meinem früheren Arbeitgeber hatten wir in einigen Bereichen in einem ganz normalen Winter teilweise krankheitsbedingte Ausfälle von bis zu 35% des Personals. Im letzten Winter war das durch die Corona-bedingten Hygienemaßnahmen (Abstand, Händewaschen, Masken tragen) deutlich weniger. Von daher glaube ich, dass insbesondere Masken auch nach der Pandemie bei uns im Alltag einen Platz haben werden. Sicher nicht für jeden, aber es wird doch auch Menschen in Deutschland geben, die auf Qualität und lokale Produktion Wert legen werden und das ist letztlich der Bereich, für den wir kämpfen und den wir mit unseren Produkten abdecken möchten.

Output: die fertig produzierten Masken verkaufsfertig für den Shop bzw. den Vertrieb.

Wie ist Deine Meinung als Profi: welche Masken werden uns warum und wie helfen?

In Deutschland unterscheiden wir in der Öffentlichkeit eigentlich 3 Arten von Masken:

  1. OP- bzw. medizinischen MNS-Masken – das sind die Masken, die man aus dem Krankenhaus kennt, rechteckig mit diesen typischen Falten. OP-Masken sind eigentlich seit Jahrzehnten erprobt und genau für den Infektionsschutz gemacht. Wenn die Masken gut gemacht sind, also das Material nicht stinkt und nicht kratzt und die Ohrbänder weich sind, dann kann ich die i.d.R. auch über einen längeren Zeitraum bequem tragen. Und das ist daher auch die Maske, die ich in normalen Alltagssituationen empfehlen würde
  2. Dann gibt es die FFP Masken, die gerade in aller Munde … oder über aller Munde sind. Die kommen eigentlich aus dem Arbeitsschutzbereich und gar nicht aus der Medizin und dienen primär dazu, vor Staub und anderen schädlichen Stoffen zu schützen, wie sie z.B. beim Schleifen anfallen. FFP2 Masken sind auch für den Infektionsschutz geeignet und ich würde sie überall da empfehlen, wo ich entweder ein besonders hohes Risiko habe, mich oder andere zu infizieren oder besonders auf Schutz achten möchte. Also z.B. in Pflegeheimen, Arztpraxen, etc. FFP2 Masken schützen besonders gut, aber sie sind auch nicht so angenehm zu tragen und behindern deutlich mehr beim Atmen. Ohne Maskenpause kann das für den Träger schnell unangenehm und auch schädlich werden. Daher ist es immer ein Abwägen. Im Normalfall z.B. im Büro würde ich eher dazu raten, möglichst oft eine OP-Maske zu tragen und diese dafür häufiger zu wechseln, da sie ja auch deutlich günstiger sind, als FFP2 Masken.
  3. Und dann gibt es in Deutschland noch den Begriff der Alltagsmaske bzw. der Behelfs-Maske. Das ist eigentlich gar kein spezieller Maskentyp sondern der Begriff stammt noch aus dem 1. Lockdown im März letzten Jahres, als es nicht genug OP-Masken für alle gab. Da hat die Politik dann darum gebeten, dass wir die guten OP-Masken für das medizinische Personal übrig lassen und uns selbst helfen, z.B. mit selbst genähten Masken. So ist der Begriff der Alltagsmaske oder Mund-Nase-Bedeckung entstanden. Dieser Begriff steht eigentlich für alle anderen Arten von Masken, die keine spezielle nachgewiesene Schutzwirkung haben. Also von einfachen selbst genähten Stoffmasken, über Skimasken oder auch speziellen Stoffmasken mit Filtereinlagen bis hin zum einfachen Schal, den ich mir über den Mund ziehe. Diese Behelfsmasken sind in Deutschland aber aktuell nur noch in ganz wenigen Bereichen erlaubt. In den meisten Bereichen ist zur Zeit entweder eine OP-Maske oder eine FFP2 Maske vorgeschrieben, die eben auch beide über eine nachgewiesene Schutzwirkung verfügen und natürlich beide sowohl den Träger schützen, als auch den Anderen gegenüber.

Interview: Thomas Köhler über Due Diligence, Selbständig sein und die Gesundheit

Ich kenne Thomas Köhler schon schon viele Jahre aus den Anfangszeiten der Virtual Forge. Er war damals noch Geschäftsführer und Teilhaber seiner eigenen Firma. Den Kontakt haben wir bis heute gehalten, auch wenn die Wege unterschiedlich waren.

Das Interview gibt Einblicke aus Sicht eines Investors und aus Sicht eines Unternehmers, der Wachstumskapital sucht:

  • Nur die richtige Beurteilung der Zukunftsfähigkeit führt zu einer guten Bewertung
  • NEIN sagen, wenn es nicht passt
  • Work-Life Balance und die Gesundheit mittelfristig nicht vernachlässigen
  1. Tom, wie ging es für Dich weiter und wie kam es zu unserem gemeinsamen Due Diligence Projekt?
    2006 hatte sich klar gezeigt, dass meine Vorstellungen von der Zukunft meiner Firma (Entwicklung zum Spezialisten für Managed Services) und die des Hauptgesellschafters (Konzern-IT-Konzepte für den Mittelstand) nicht korrelierten. Daraufhin trennten sich unsere Wege und ich verkaufte meine Anteile. Nach 15 Jahren im eigenen Unternehmen war schnell klar, dass ein Wechsel ins „normale“ Angestelltendasein nicht die erste Wahl sein sollte. Zum Glück verfüge ich über ein großes Netzwerk, und so schloss ich mich nach einigen Monaten einer „Boutique“ Unternehmensberatung als Freiberufler an, um mich dem Interimsmanagement zu widmen.
    Ich habe in dieser Zeit das Thema Security nicht aus den Augen verloren. Weil ich es nach wie vor als sehr zukunftsträchtig erachtete (was ich heute noch tue), diskutierte ich oft mit dem Eigentümer und Chef der Unternehmensberatung über die Gründung eines entsprechenden Unternehmens. Bei einem Gespräch mit Dir erwähntest Du das Interesse an einem Investor, daher stellte ich dann den Kontakt her.
  2. Du hast dann die Due Diligence der Virtual Forge durchgeführt – was sind die Erfahrungswerte von Dir und was kannst Du einem Unternehmer empfehlen, der durch einen solchen Prozess geht?
    Der eigentliche Investor muss das Business der Ziel-Company verstanden und durchdrungen haben, sonst kann er die Zukunftsfähigkeit nicht hinreichend beurteilen und wird zu einer ungenügenden Bewertung kommen. Ich bin seit dieser Zeit kein großer Freund reiner Finanzinvestoren für Start-Ups mehr, bei Licht betrachtet wäre die besagte Unternehmensberatung in Eurem Fall ein solcher gewesen. Sicher hätte es interessante Kontakte gegeben, es fehlte aber im Grunde der Bezug zu Eurem Thema.
  3. Was hast Du seitdem an Gründungen, Projekten, etc. gemacht, dass Dich besonders begeistert hat?
    Nach einem gesundheitlichen Warnschuss habe ich dann doch bei einem Unternehmen angeheuert, einem Mittelständler aus dem Bereich der Logistik-IT mit großen Wachstumsplänen. Dieser wurde dann aufgrund des Erfolgs von einem globalen Player gekauft, so dass ich dort heute als angestellter Manager aktiv bin. Allerdings habe ich relativ bald auch wieder Unternehmen gegründet: abgesehen von der Unterstützung von Start-Ups als Mentor beschäftige ich mich zusammen mit einem Rechtsanwalt sehr erfolgreich mit dem Thema Datenschutz. Das lässt sich sehr gut nebenberuflich darstellen und hat viele Berührungspunkte mit der Security. So ganz ohne Selbständigkeit geht es halt doch nicht.
  4. Im Nachhinein sind wir den Schritt damals nicht gegangen – unser Grund war, dass wir nicht an die Zukunft bzw. an die Story geglaubt haben. Ebenso war die Bewertung einfach viel zu gering. Wie ist Dein Rückblick?
    Ihr hattet durchaus Recht. Abgesehen vom finanziellen Aspekt hätte es sicher schon mittelfristig nicht gepasst, mangels Bezug zum Thema. Zudem: Wenn das Bauchgefühl nicht stimmt, sollte man nicht heiraten…

Interview: Prof. Sebastian Schinzel über Startups, Unternehmertum und zukünftige Security-Themen

Ich kenne Sebastian seit den Anfangsjahren meiner ehemaligen Firma Virtual Forge. Er lehrt und forscht seit vielen Jahren zu angewandter Kryptografie und System-Sicherheit und ist Mitgründer des Instituts für Gesellschaft und Digitales (GUD) an der FH Münster. Er war außerdem Norddeutscher Meister, Deutscher Vizemeister und Team-Weltmeister im Biketrial. 

Das Interview mit ihm dreht sich um:

  • Kreativ bleiben bei den Lösungen, da keiner sagen kann, wie sich die Angriffe weiterentwickeln werden
  • Authentisch bleiben als Gründer und Unternehmer
  • Stärkung der Security-Industrie in Deutschland und Good Ol’ Europe
  1. Sebastian, Du hast die Verwandlung von Virtual Forge von eine Gruppe von Idealisten zu einer Firma miterlebt. Was hat Dich von dieser Zeit am meisten geprägt?
    Wir kamen damals aus dem Capture The Flag (CTF) Team der TU Darmstadt zu Virtual Forge und sind daher die ersten Kundenprojekte mehr wie einen Hackerwettbewerb als eine Beratungdienstleistung angegangen. Das waren spannende und lehrreiche Zeiten. Als dann der CodeScanner CodeProfiler entwickelt wurde, begann die Transformation vom beratungslastigen Pentesting-Unternehmen hin zu einem Produktentwicklungsunternehmen. Das war tatsächlich ein Umbruch, da Produktentwicklung völlig andere Unternehmensstrukturen braucht. Penetrationstests sind sehr kreative und meist relativ kurze Projekte während Produktentwicklung jahrelange strukturierte Entwicklung braucht, die erst nach längerer Zeit Früchte trägt. Geprägt hat mich, dies mitzuerleben und auf meine heutige Unternehmertätigkeit anwenden zu können.
  2.  Du hast selbst schon Firmen gegründet. Welche Ziele hast Du damit verfolgt?
    Das Ziel ist den Standort Deutschland und die IT Sicherheitsindustrie in Europa voran zu bringen. Hier gibt es viele gute Leute, gute Ausbildung, viele gute Ideen, aber oft zu wenig Mut, den Schritt zur Selbstständigkeit zu versuchen. Das ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe, warum Deutschland bei innovativen IT-Unternehmen z.B. gegenüber den USA hinterher hängt.
  3. Was macht für Dich den Erfolg einer Gründung aus und warum kann es schiefgehen?
    Man braucht eine gute Lösungsidee für ein konkretes Problem im Markt, ein gutes Team und Kunden mit konkretem Bedarf an der Lösung. Und viel Durchhaltevermögen und auch etwas Glück. Und am besten keine Pandemie!
    Kannst Du den Punkt etwas ausführen?
    Für Konzerne scheint die Pandemie oft eine gute Ausrede zu sein. Man kann sie als Argument für nahezu alles nutzen: Umstrukturierungen, Personalabbau, usw. Für ein Startup ist sie schädlich, da die Finanzierung schwierig ist, Kunden kaum auf neue Ideen anspringen und es auch schwer ist, Leute an Bord zu nehmen, die derzeit eher auf Jobsicherheit aus sind (vs. in ein eher riskantes Startup zu gehen).
  4. Wie stehst Du zum Thema “wir bleiben, wie wir sind” vs. Wachstumskurs?
    Das Eine schließt das Andere nicht aus. Man kann durchaus bleiben, „wie man ist“ und trotzdem wachsen. Es kommt wohl auf das Selbstverständnis an: was ist man denn? Will ich die Welt verbessern, indem ich Computersysteme sicherer mache? Oder bestehe ich darauf, dass ich die Welt nur durch diese eine Dienstleistung oder dieses eine Produkt verbessern kann? Letzteres kann mich davon abhalten, die Welt zu verbessern, weil die Dienstleistung oder das Produkt dauerhaft nicht ankommt.
  5. Und abschließend eine fachliche Frage: welche Themen sind für Dich, als “Security Professor”, geeignet für eine Gründung?
    Cybersicherheit wird auch weiterhin relevant bleiben, auch wenn andere Themen wie KI gerade die Förderlandschaft dominieren. Die Unternehmen lernen ständig dazu und sind daher ein „Moving Target“. Waren Penetrationstests vor 10-15 Jahren noch sehr innovativ mit wenigen spezialisierten Anbietern, hat heute fast jede Beratungsfirma auch Penetrationstests im Programm. Gründer sollten sich fragen: welche Dienstleistung, welches Produkt fragen Unternehmen in 2-5 Jahren an? Wenn man hierfür eine gute Idee hat und gleichzeitig einige innovative Unternehmen mit Kaufinteresse in der Hinterhand hat, dann sollte man eine Gründung erwägen.
  6. Daraus abgeleitet – welche werden es in den nächsten 5 Jahren sein?
    Viele Unternehmen haben gelernt, dass die Prävention von Cyberangriffen, z. B. durch Suchen und Schließen von Sicherheitslücken, sicherer Softwareentwicklung usw. nicht ausreicht. Wenn die Mitarbeiter den falschen Anhang öffnen, haben die Angreifer den Fuß im Unternehmen und können sich von da aus weiter verbreiten. Die aktuellen Erpressungstrojaner-Banden arbeiten hochprofessionell und haben hohe Gewinnmargen. Da ist reine Prävention durch Absicherung nicht mehr ausreichend. Die Unternehmen müssen sich fragen:
  • Wie erkenne ich erfolgreiche Angriffe zeitnah?
  • Wie erkenne ich das Ausmaß des Angriffs?
  • Wie kann ich die Angreifer an der weiteren Ausbreitung hindern?
  • Wie werfe ich die Angreifer zuverlässig aus meinem Netz?
  • Und natürlich: wie ziehe ich meine IT-Infrastruktur neu auf, wenn ein Angreifer bereits tief vorgedrungen war?

Das sind Fragen, für die man spezialisiertes Person, evtl. auch mit Rufbereitschaft etc. benötigt. Das können die meisten Unternehmen gar nicht stemmen. In Teilen kann man das zu Managed Service Providern (MSP) auslagern aber einiges von diesem Wissen muss auch intern vorliegen.

Bildquelle: FH Münster, Wilfried Gerharz